Ein neues Rad-Style-Magazin: Cycle

u1_cycle_cover_2015-01Die Gründe, weshalb jemand Fahrrad fährt, sind vielfältige – Sport, Gesundheit, Kosten, Umweltschutz, Zeitersparnis, Freude, Haltung, Unabhängigkeitsbedürfnis, Herausforderung, Geschwindigkeitsrausch – uns alles ganz gleich: Hauptsache er/sie tut es.

Aber seit einigen Jahren ist Radfahren auch Lifestyle. Fixie- und Single-Speed-Mode haben sogar Leute und Firmen zum Fahrrad gebracht, die alles andere als rad-affin sind. Hübsche Designerräder in Bonbonfarben tauchen in Schaufenstern mit Klamotten und Espressomaschinen, in Anzeigen für Schweizer Präzisionsuhren und sogar bei Autoherstellern auf – aber da geht es nicht darum, eine alltagstaugliche oder für den Fahrradurlaub geeignete Maschine vorzustellen, sondern um ein Lebensgefühl. Hej, wenn du dir auch so ein Fixi übers Sofa hängst, bist du hipp und gehörst dazu. Auch wenn du gar nicht Fahrrad fahren kannst und keine Ahnung hast, wie man einen Reifen flickt oder einen neuen Bremsbelag justiert. Aber darum geht es nicht. So ein Bike ist kein Fahrzeug, sondern ein Schmuckstück, ein iPhone auf zwei Rädern, und muss ständig mit neuen Apps – Accessoires rund um Rad- und Radler*innenleben – gefüttert werden. Kennt man ja, von der Spielwarenindustrie: dasselbe Konzept wie bei Barbie & Co.

Um die schicken Räder ist in der letzten Zeit eine Riesenindustrie gewachsen. Ich will nicht leugnen, dass das auch Vorteile für unhippe Radler*innen hatte: Der Service ist besser, und insbesondere die Beleuchtungstechnik hat lebensrettende Fortschritte gemacht. Aber sehr vieles, was da in den Läden hängt und liegt, dient nicht dem Gebrauch, sondern der Distinktion. Und die muss immer weiter entfaltet, variiert, ausdifferenziert werden – ein neuer Markt mit wieder mal tausend mehr oder weniger sinnvollen Produkten, der wächst und wächst, und Bedürfnisse weckt, von denen bis vor Kurzem noch niemand ahnte, dass er sie hatte. Aber jetzt: You must have this!

Und so ein Markt braucht natürlich seine Promoter und Multiplikatoren. Produkttestseiten, Blogs und Youtube-Filmchen, von denen aus die Szene auf dem aktuellsten Stand gehalten wird – und bei denen die Grenze zwischen unabhängiger Information und Werbung sehr, sehr unscharf verläuft.

Und da der Markt groß ist und weiter wächst, war es nur eine Frage der Zeit, bis in dieser Angebotsnische auch eine eigene Zeitschrift auftaucht: Cycle. Das „Bike & Style Magazin“ wird von Wolfgang Scherreiks, bekannt als Betreiber des Fahrradjournal-Blogs, redaktionell verantwortet. Es erscheint einmal im Quartal im Wieland-Verlag, hat eine Startauflage von erstaunlichen 70.000 Exemplaren und will das „zeitgemäße Printmagazin für den urbanen Fahrrad-Lifestyle“ sein, mit folgendem Selbstverständnis:

CYCLE bildet das spannende Panorama der gegenwärtigen dynamischen Fahrradszene für den smarten Städter ab. Das Themenspektrum reicht von den wirklich coolen Bikes, die mit Design, innovativer Technik und authentischem Style überzeugen über stilvolle Bike Fashion für Business und Freizeit, cleveren Accessoires und Zubehör bis hin zu den schönsten Events rund ums Radfahren.

CYCLE präsentiert Bike Reviews, Porträts, Reportagen, Interviews und News in einem zeitgemäßen Layout, mit hochwertiger Fotografie und angenehmer Haptik. Das Magazin erscheint in deutscher Sprache alle drei Monate in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Erstes Durchblättern: Umschlag labberig, Layout mäßig, keine gestalterischen Überraschungen, Fotoqualität schlecht, die Trennung von redaktionellem Teil und Anzeigen häufig optisch nicht erkennbar, manchmal sogar gegenläufig (extrem auf Doppelseite 66/67: die Cycle-City-Events, genannt „Kulturtipps“, erinnern an Stadtwerbebroschüren, die großen überregionalen Wochenzeitungen beiliegen, was bei mir zu sofortigem Weiterblättern führt).

Lektüre: unerfreulich. Die Sprache bei den Produktvorstellungen direkt aus den Werbebroschüren kopiert und nah an der Parodie. Den Vogel schießt dabei der Winterjacken-Beitrag ab, mit der Vorstellung des Eclaireur Jacket:

Die französische Marke Esthete steht für Smart Clothes. Ihr Eclaireur Jacket mit integriertem LED-System garantiert Aufmerksamkeit ab 100 Meter. Dafür sorgen zwei Ultra-bright-LEDs auf der Brusttasche und fünf rote auf dem Rücken.
Dank seiner Außenhaut aus Sympatex-Membran ist die Jacke sowohl atmungsaktiv, als auch wind- und wasserdicht bis zu einer Wassersäule von 20.000 Millimetern. Zu den Features zählen reflektierende Streifen, versiegelte Nähte, Ventilationsöffnungen mit Zipper und dehnbarer Windschutzgürtel. (S. 108)

Ist das jetzt der Tchibo-Shop für Besserverdienende (die Jacke kostet OHNE LEDs 399, MIT 449 Euro)? Die Sprache gleicht der unverständlicher Finanzprodukte, bei denen die Anglizismen auch immer darauf hindeuten, dass jetzt eigentlich keiner mehr weiß, was das alles bedeuten soll, aber es klingt so vielversprechend zukünftig. Mit dieser Jacke reisen Sie zum Mond, aber fürs alltägliche Radfahren auf Berliner Straßen garantiert ungeeignet. Ist auf dem Rücken nicht der Rucksack, die Kuriertasche? Werden die LEDs nicht vom Kindersitz plus Kind mit Helm auf dem Kopf komplett verdeckt? Was mache ich mit der Jacke, wenn die Batterien leer sind? Kann ich die waschen? In meiner eigenen Maschine zu Hause? Wie fühlt sich das Ding an? Nicht ein bisschen steif? Schwitzt man darin wirklich nicht? Hält es warm? Auch bei wirklich viel Wind?
Das wären so meine Fragen gewesen.
Eine 20.000 Millimeter* hohe Wassersäule begegnet mir in Berlin eher selten …

(* das sind 2.000 Zentimeter, also 20 Meter – aber wenn man 20 Meter schreiben würde, wäre ja jedem klar, wie lachhaft diese Angabe ist; außerdem erinnerte es nicht mehr an Jules Verne und seine Meeres-Sciene-Fiction, ist schließlich ’ne französische Jacke)

Bei der Vorstellung der Lastenradtypen und -marken wiederholt sich die Untauglichkeit der kurzen Texte, um als Leser*in wirklich einschätzen zu können, was für eigenen Gebrauch sinnvoll wäre oder sogar schon zu einer Kaufentscheidung zu kommen. Wer ein Lastenrad danach aussucht, dass es jetzt auch in „extra-cremigem Weiß“ erhältlich ist  (diese Information findet sich in dem nur sieben Zeilen langen Text zum Bullitt, das als „Feinschmecker“ – womit „FÜR Feinschmecker“ gemeint ist – überschrieben wird), braucht keins. Nichts zum Wendekreis, nichts zu Kurvenneigung, Bremsweg mit und ohne Last, Beschleunigungsverhalten, Aufbauten und Zubehör, Pflegeaufwand, Verschleiß.

Die Produktvorstellung schrammt also nicht mal haarscharf an Schleichwerbung vorbei und weist nahezu keinen praktischen Bezug auf. Sie scheint eher der Finanzierung des Heftes zu dienen (was auch seine Auflagenhöhe erklärt: 70.000 Exemplare sind selbst über drei Monate und drei deutschsprachige Länder verteilt unverkäuflich – aber das Magazin dann in den Zeitschriftenhandel zu geben und auch noch 6,80 Euro für die Ausgabe zu verlangen ist ziemlich frech). Mit Journalismus, der seine Aufgabe, unabhängig zu informieren, ernst nimmt, hat das nichts zu tun.

Wie aber steht es um die Magazin-Kernstücke: Interview, Bericht, Reportage, Porträt? Urteil: durchwachsen. Neben von Scherreiks selbst geschriebenen Texten über die preisgünstigen Recycling-Räder von Roetz Vigour, Räder mit Riemen-Antrieb und das kleinrädrige Moulton AM Jubilee mit Gitterrohrrahmen, die gut zu lesen sind, findet sich eine Reportage von Katharina Müller-Güldemeister über ihre Zeit als Kurierfahrerin in Berlin. Eine Reportage mit Herzblut, von einer Autorin, die drin steckte im Knochenjob. Aber die so ähnlich schon in Heft 8 des „fahrstil„-Magazins erschienen ist. Übernahme von Themen ist ja okay, aber in der Startnummer? Und ohne Verweis auf „fahrstil“ mit dem Erstdruck bei z. T. wortwörtlicher Übernahme?

Fazit: Wenig kritische Distanz, als hätte man Angst, es sich mit (potentiellen) Anzeigenkunden zu verscherzen. Ein Magazin, das keine neuen Geschichten bringt, bei Produktvorstellungen nicht genau hinschaut oder sogar direkt die Formulierungen von den Herstellern übernimmt, das keine gestalterischen Überraschungen bietet und dessen Aufmachung und Druckqualität nicht mal die von TV-Zeitschriften erreicht.

Was aber am meisten fehlt: eine Haltung. Klar, ein Lifestyle-Magazin hat keine politischen Ambitionen, aber ohne genaue Vorstellung, von dem, was da auf dem Papier erscheinen soll, geht es nicht. Wenn schon Luxus und Gadget-Wahnsinn – dann richtig! Im Übermaß, mit Größe, Tiefe, Freude, Intelligenz, Originalität. Nicht die Herstellerfotos verwenden, sondern ein Rad mit Makroaufnahmen so verfremden, dass es anfängt zu leben. Den Tweed-Sakkos auf den Faden und ins Knopfloch schauen. Sie unter der Dusche testen. Die Lastenräder ein Jahr täglich fahren und dokumentieren, was da mit ihnen passiert. Und mit einem selbst. Und der Umgebung, durch die man sie bewegt. Die Thermounterwäsche Tag und Nacht tragen und dann Haut und Zeug chemisch untersuchen lassen. Fahrradfilme! Fahrradbücher! Geschichten!

Es ginge um wirkliche Entdeckungen. In der Welt und einem selbst. Um einen Spleen, der so weit getrieben wird, dass niemand mehr zu fragen wagt, was soll das denn?! Das wäre britisch gewesen und kein schlechter Start. Ein Magazin voller Poesie, lebendig, schön, verschwenderisch. Kein stylisches Rad-Magazin, sondern eins mit Stil.

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